Veröffentlicht: 19. April 2026 · Zuletzt aktualisiert: 19. April 2026 Autor: S. Fiedler
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar.
Anleihen bis zur Fälligkeit halten: Was bedeutet das praktisch?
Kurzüberblick
Viele Anleger sagen bei Anleihen:
„Ich halte sie einfach bis zur Fälligkeit, dann sind mir die Kursschwankungen egal.“
Ganz falsch ist dieser Gedanke nicht. Aber er ist auch nicht die ganze Wahrheit.
Denn wer eine Anleihe bis zum Laufzeitende hält, bekommt den Nennwert in der Regel tatsächlich zurück – vorausgesetzt, der Emittent bleibt zahlungsfähig und erfüllt seine Verpflichtungen vollständig. Trotzdem bleiben auch bei einer Buy-and-Hold-Strategie wichtige Fragen offen: Was passiert mit zwischenzeitlichen Kursverlusten? Welche Rolle spielen Bonität, Inflation und Opportunitätskosten? Und was bedeutet es praktisch, eine Anleihe wirklich bis zur Endfälligkeit durchzuhalten?
Genau darum geht es in diesem Artikel.
Was bedeutet „bis zur Fälligkeit halten“ überhaupt?
Eine Anleihe bis zur Fälligkeit zu halten bedeutet, dass der Anleger sie nicht vorher verkauft, sondern bis zum vertraglich festgelegten Rückzahlungstermin im Depot belässt.
Bei einer klassischen festverzinslichen Anleihe heißt das in der Praxis meist:
- du erhältst die vereinbarten Kuponzahlungen während der Laufzeit
- und am Ende den Nennwert zurück
Wenn die Anleihe einen Nominalwert von 1.000 Euro hat, ist die vertragliche Rückzahlung am Ende bei einer normalen Tilgung in der Regel ebenfalls 1.000 Euro, unabhängig davon, ob die Anleihe zwischenzeitlich am Markt bei 92 %, 100 % oder 108 % notiert hat.
Warum dieser Gedanke für viele Anleger attraktiv ist
Der Reiz dieser Strategie liegt in der scheinbaren Planbarkeit.
Wer eine Anleihe bis zur Fälligkeit hält, denkt oft so:
- Der Kupon ist bekannt.
- Die Laufzeit ist bekannt.
- Die Rückzahlung zu pari ist bekannt.
- Zwischenzeitliche Marktbewegungen müssen nicht realisiert werden.
Gerade im Vergleich zu Aktien wirkt das auf viele Anleger beruhigend. Tatsächlich kann dieser Ansatz sinnvoll sein – aber eben nur unter bestimmten Voraussetzungen.
Der wichtigste Punkt: Rückzahlung nur bei Zahlungsfähigkeit des Emittenten
Hier liegt die wichtigste Einschränkung.
Die Aussage
„Wenn ich bis zur Fälligkeit halte, bekomme ich mein Geld zurück“
stimmt nur dann, wenn der Emittent:
- zahlungsfähig bleibt
- seine Zinsen weiterhin leistet
- und die Anleihe am Ende tatsächlich ordnungsgemäß tilgt
Deshalb ist „bis zur Fälligkeit halten“ kein Schutz vor Bonitäts- oder Ausfallrisiken.
Es reduziert vor allem die Bedeutung von zwischenzeitlichen Marktkursen, aber nicht die Bedeutung der Kreditwürdigkeit des Schuldners.
Hierzu auch empfehlenswert:
Bonität und Ratings bei Anleihen einfach erklaert
Zwischenzeitliche Kursverluste sind trotzdem real
Auch wenn eine Anleihe bis zum Ende gehalten wird, kann ihr Marktwert während der Laufzeit deutlich schwanken.
Das passiert vor allem durch:
- steigende oder fallende Marktzinsen
- Bonitätsveränderungen
- veränderte Risikoaufschläge
- Liquiditätsveränderungen am Markt
Beispiel:
Eine lang laufende Anleihe kann nach einem Zinsanstieg deutlich unter 100 % fallen, auch wenn der Emittent weiterhin solide erscheint.
Der Anleger realisiert diesen Verlust zwar nicht automatisch, solange er nicht verkauft. Der Marktwert im Depot ist aber trotzdem niedriger.
Warum viele Anleger sagen: „Papierverlust ist nicht gleich echter Verlust“
Dieser Gedanke ist teilweise richtig.
Wenn du eine Anleihe für 1.000 Euro Nominalwert gekauft hast und sie zwischenzeitlich nur noch mit 900 Euro Marktwert bewertet wird, dann ist das zunächst ein Buchverlust.
Wenn du die Anleihe aber tatsächlich bis zum Ende hältst und der Emittent vollständig zahlt, bekommst du am Laufzeitende trotzdem die 1.000 Euro Nennwert zurück.
Das heißt:
Der zwischenzeitliche Kursverlust muss nicht automatisch zu einem endgültigen Verlust werden.
Wo der Denkfehler bei dieser Sichtweise liegt
Die Aussage ist nur dann tragfähig, wenn du die Anleihe wirklich bis zum Ende halten kannst und willst.
Genau hier wird es praktisch:
- Vielleicht brauchst du vorher Liquidität.
- Vielleicht möchtest du das Depot umschichten.
- Vielleicht verschlechtert sich die Bonität deutlich.
- Vielleicht ändern sich die Marktbedingungen so stark, dass andere Anlagen attraktiver erscheinen.
Dann sind zwischenzeitliche Kursverluste eben doch relevant, weil ein Verkauf vor Fälligkeit nötig oder sinnvoll werden kann.
Kursrisiko spielt vor allem vor dem Laufzeitende eine Rolle
Das sogenannte Zinsänderungsrisiko betrifft vor allem den Marktpreis während der Laufzeit.
Wenn die Marktzinsen steigen, fallen die Kurse bestehender Anleihen.
Wenn die Zinsen sinken, steigen sie.
Für einen Anleger, der bis zum Ende hält, ist dieses Risiko anders zu bewerten als für jemanden, der aktiv handelt. Es verschwindet aber nicht vollständig aus der Betrachtung.
Passend dazu:
Zinsänderungsrisiko bei Anleihen
Beispiel: Kurs fällt, Rückzahlung bleibt gleich
Angenommen, du kaufst eine Anleihe mit:
- Nennwert: 1.000 Euro
- Kupon: 4 %
- Restlaufzeit: 10 Jahre
Nach zwei Jahren steigen die Marktzinsen deutlich. Die Anleihe notiert nun nur noch bei 92 %.
Das bedeutet:
Der Marktwert deiner Position ist gesunken.
Wenn du jetzt verkaufen würdest, würdest du einen Kursverlust realisieren.
Wenn du aber hältst und der Emittent bis zum Ende vollständig zahlt, erhältst du am Laufzeitende trotzdem 1.000 Euro zurück.
Warum der Kursverlauf trotzdem nicht völlig egal ist
Auch wenn die Endrückzahlung unverändert bleibt, kann der Kursverlauf aus mehreren Gründen wichtig sein:
1. Psychologie
Viele Anleger unterschätzen, wie unangenehm es ist, deutliche Buchverluste über Jahre im Depot zu sehen.
2. Flexibilität
Ein starker Kursrückgang schränkt die Freiheit ein, die Position vorher sinnvoll zu verkaufen.
3. Opportunitätskosten
Wenn neue Anleihen inzwischen deutlich höhere Renditen bieten, ist das gebundene Kapital in der alten Anleihe womöglich weniger attraktiv als es zunächst schien.
Was sind Opportunitätskosten bei Anleihen?
Opportunitätskosten bedeuten vereinfacht:
Du hältst Kapital in einer Anlage gebunden, obwohl es anderswo womöglich besser eingesetzt werden könnte.
Beispiel:
Du hältst eine Anleihe mit 1,5 % Kupon bis zur Fälligkeit. Später steigen die Marktzinsen stark, und neue Anleihen bieten plötzlich 4 % oder 5 %.
Dann kann es wirtschaftlich unattraktiv wirken, an der alten Anleihe festzuhalten – auch wenn du am Ende den Nennwert zurückbekommst.
Das ist kein klassischer Ausfallverlust, aber ein realer Nachteil im Vergleich zu besseren späteren Alternativen.
Bis zur Fälligkeit halten kann sinnvoll sein – aber nicht immer
Eine Buy-and-Hold-Strategie bei Anleihen kann vor allem dann sinnvoll sein, wenn:
- der Emittent solide erscheint
- die Bonität gut eingeschätzt wird
- die Laufzeit zum eigenen Zeithorizont passt
- keine vorzeitige Liquidität benötigt wird
- und die Anleihe bewusst als planbarer Baustein gehalten wird
Sie ist weniger überzeugend, wenn:
- die Bonität fragil ist
- sich die Anleihe stark verteuert oder verbilligt hat
- das Kapital möglicherweise vorher gebraucht wird
- oder der Anleger eigentlich auf kurzfristige Flexibilität angewiesen ist
Unter pari gekaufte Anleihen und Halten bis zur Fälligkeit
Gerade bei unter pari gekauften Anleihen ist das Halten bis zur Fälligkeit ein wichtiger Gedanke.
Wenn eine Anleihe zum Beispiel bei 90 % gekauft wird und am Ende zu 100 % zurückgezahlt wird, entsteht zusätzlich zum Kupon ein Rückzahlungsgewinn.
In solchen Fällen kann „bis zur Fälligkeit halten“ besonders attraktiv wirken, weil:
- der Rückzahlungsmechanismus klar ist
- und sich der Kaufabschlag bei vollständiger Tilgung am Ende auflöst
Passend dazu:
Unter pari und über pari: Was Anleihenkurse unter oder über 100% aussagen
Über pari gekaufte Anleihen und Halten bis zur Fälligkeit
Auch bei über pari gekauften Anleihen ist das Halten bis zur Fälligkeit wichtig zu verstehen.
Wenn du eine Anleihe zu 105 % kaufst, aber am Ende nur 100 % zurückbekommst, entsteht ein Rückzahlungsverlust. Dieser wird zwar durch den höheren Kupon teilweise oder ganz kompensiert, zeigt aber deutlich:
Nicht jede Buy-and-Hold-Strategie führt automatisch zu einer besonders attraktiven Rendite.
Deshalb sollte die Entscheidung nie nur auf dem Gedanken beruhen:
„Ich halte einfach bis zum Ende.“
Entscheidend bleibt die tatsächliche Rendite unter den konkreten Kaufbedingungen.
Passend dazu:
Kupon,Rendite und Effektivverzinsung: Was ist der Unterschied?
Wie die Laufzeit die praktische Entscheidung beeinflusst
Je länger die Restlaufzeit, desto anspruchsvoller wird der Gedanke des Durchhaltens.
Eine Anleihe mit noch 2 Jahren Restlaufzeit bis zur Endfälligkeit ist praktisch etwas anderes als eine Anleihe mit noch 20 oder 30 Jahren Laufzeit.
Lange Laufzeiten bedeuten:
- längere Kapitalbindung
- mehr Zinsänderungsrisiko unterwegs
- mehr Unsicherheit über künftige Marktphasen
- mehr Zeit, in der Bonitätsveränderungen eintreten können
Deshalb ist „bis zur Fälligkeit halten“ bei sehr langen Laufzeiten eine deutlich größere strategische Entscheidung als bei kurzen Restlaufzeiten.
Anleihen bis zur Fälligkeit halten ist keine Festgeld-Logik
Das ist ein wichtiger Punkt.
Auf den ersten Blick erinnert das Halten einer Anleihe bis zur Endfälligkeit an Festgeld:
- heute investieren
- Zinsen kassieren
- am Ende Rückzahlung erhalten
Trotzdem gibt es wichtige Unterschiede:
- Anleihen schwanken laufend im Kurs
- Bonitäts- und Marktpreisrisiken sind sichtbar
- Verkäufe vor Fälligkeit können zu Verlusten führen
- Emittentenrisiken können sich verändern
Deshalb sollte man Anleihen nicht einfach mit Festgeld gleichsetzen, auch wenn die Endfälligkeit ein planbares Element enthält.
Für wen ist dieser Denkansatz besonders relevant?
Die Frage „Halte ich die Anleihe bis zur Fälligkeit?“ ist vor allem für diese Anleger wichtig:
- Anleger, die einzelne Anleihen bewusst im Depot halten
- Investoren, die planbare Kuponströme suchen
- Anleger, die Anleihen nicht nur taktisch handeln
- Personen, die Marktwertschwankungen von Endfälligkeitslogik trennen wollen
Für ETF-Anleger ist der Gedanke oft etwas anders zu bewerten, weil Anleihen-ETFs in der Regel keine einzelne feste Rückzahlung einer bestimmten Endfälligkeit für den Gesamtfonds bieten.
Das ist ein eigenes Thema:
Anleihen-ETF vs. Einzelanleihe
Typische Missverständnisse beim Halten bis zur Fälligkeit
„Wenn ich bis zur Fälligkeit halte, gibt es kein Risiko.“
Doch. Vor allem Bonitätsrisiko, Inflationsrisiko und Opportunitätskosten bleiben bestehen.
„Dann sind mir Kurse komplett egal.“
Nicht unbedingt. Kurse sind relevant, wenn du doch verkaufen musst oder Flexibilität brauchst.
„Jede Anleihe eignet sich zum Durchhalten.“
Nein. Laufzeit, Bonität, Kaufkurs und Depotstrategie spielen eine große Rolle.
„Bis zur Fälligkeit halten ist immer die beste Lösung.“
Auch das ist zu pauschal. Es kommt auf deine Liquiditätsplanung, dein Risikoprofil und die konkrete Anleihe an.
Fazit
Anleihen bis zur Fälligkeit zu halten bedeutet praktisch vor allem eines:
Du verschiebst den Fokus weg vom täglichen Marktpreis und stärker hin auf Kupon, Rückzahlung und Zahlungsfähigkeit des Emittenten.
Das kann sinnvoll sein, wenn die Anleihe bewusst ausgewählt wurde, die Bonität tragfähig erscheint und die Laufzeit zum eigenen Planungshorizont passt. Trotzdem verschwinden die Risiken nicht. Bonitätsprobleme, Opportunitätskosten und zwischenzeitliche Marktwertverluste bleiben Teil der Realität.
Deshalb gilt:
„Bis zur Fälligkeit halten“ ist kein magischer Schutzmechanismus, sondern eine bewusste Strategie, die nur unter passenden Voraussetzungen wirklich trägt.