Veröffentlicht: 01.Februar 2026 · Zuletzt aktualisiert: 01.Februar 2026
Autor: S. Fiedler – Day-Trader seit 2016
Hinweis: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar.
Fundamentalanalyse: Die wichtigsten Kennzahlen zur Bewertung von Unternehmen
Die Fundamentalanalyse ist ein zentrales Werkzeug für Anleger, die den wirtschaftlichen Zustand und den inneren Wert eines börsennotierten Unternehmens beurteilen möchten. Ziel ist es, anhand von Unternehmens‑ und Bilanzkennzahlen zu erkennen, ob ein Unternehmen profitabel, finanziell stabil und langfristig wettbewerbsfähig ist.
Im Gegensatz zur technischen Analyse, die sich auf Kursverläufe konzentriert, analysiert die Fundamentalanalyse die wirtschaftliche Substanz eines Unternehmens. Dabei geht es nicht um kurzfristige Kursbewegungen, sondern um nachhaltige Ertragskraft und finanzielle Solidität.
Gewinn, Cashflow und operative Ertragskraft – wichtige Abgrenzungen
Der Gewinn ist das Ergebnis der Gewinn- und Verlustrechnung nach Berücksichtigung aller periodenbezogenen Aufwendungen, Zinsen und Steuern.
Allerdings ist der Gewinn keine reine Geldgröße, da er auch durch nicht unmittelbar zahlungswirksame Effekte wie Abschreibungen, Rückstellungen und bilanzielle Bewertungsregeln beeinflusst wird.
Durch die Bildung von Rückstellungen fällt der ausgewiesene Gewinn zunächst geringer aus.
Müssen die Rückstellungen in späteren Perioden nicht oder nur teilweise in Anspruch genommen werden, erhöht sich der Gewinn der Folgeperiode entsprechend.
Deshalb reicht der Gewinn allein nicht aus, um die finanzielle Stärke oder Liquidität eines Unternehmens zu beurteilen.
EBIT – Ergebnis vor Zinsen und Steuern
Das EBIT (Earnings Before Interest and Taxes) zeigt das operative Ergebnis eines Unternehmens vor Finanzierung und Steuern. Es eignet sich besonders gut, um:
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Unternehmen mit unterschiedlicher Kapitalstruktur zu vergleichen
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die operative Leistungsfähigkeit zu analysieren
Ein stabiles oder wachsendes EBIT deutet auf ein funktionierendes Kerngeschäft hin.
EBITDA – operative Ertragskraft ohne Abschreibungen
Das EBITDA (Earnings Before Interest, Taxes, Depreciation and Amortization) geht einen Schritt weiter und blendet zusätzlich Abschreibungen aus.
Es zeigt:
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wie viel das operative Geschäft vor Investitions‑ und Finanzierungsentscheidungen erwirtschaftet
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die Fähigkeit eines Unternehmens, laufende Kosten zu decken
Das EBITDA eignet sich gut für Branchenvergleiche, darf aber nicht isoliert betrachtet werden, da Investitionen langfristig unverzichtbar sind.
Free Cashflow – der tatsächlich verfügbare Geldfluss
Der Free Cashflow ist nicht der Gewinn. Er beschreibt den tatsächlich verfügbaren Zahlungsmittelüberschuss, der nach Abzug notwendiger Investitionen verbleibt.
Vereinfacht:
Operativer Cashflow – Investitionen = Free Cashflow
Der Free Cashflow zeigt, wie viel Geld tatsächlich übrig bleibt, um:
- Dividenden zu zahlen
- Schulden zu tilgen
- Aktien zurückzukaufen
- weiteres Wachstum zu finanzieren
Ein dauerhaft positiver Free Cashflow ist eines der stärksten Qualitätsmerkmale eines stabilen Unternehmens.
Zentrale Bilanzkennzahlen für verständige Anleger
Eigenkapitalquote
Die Eigenkapitalquote zeigt, wie viel Prozent der Bilanzsumme durch Eigenkapital finanziert sind. Sie ist ein Maß für:
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finanzielle Stabilität
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Krisenfestigkeit
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Unabhängigkeit von Fremdkapital
Eine solide Eigenkapitalquote erhöht die Widerstandsfähigkeit in wirtschaftlich schwierigen Phasen.
Als grobe Orientierung gelten:
- über 40 %: sehr solide
- 25–40 %: akzeptabel
- unter 20 %: erhöhtes Risiko
Branchenunterschiede sind dabei unbedingt zu berücksichtigen.
Verschuldungsgrad
Der Verschuldungsgrad setzt Fremdkapital ins Verhältnis zum Eigenkapital. Moderate Verschuldung kann sinnvoll sein, zu hohe Verschuldung erhöht jedoch:
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Zinsrisiken
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Abhängigkeit von Kapitalmärkten
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Insolvenzgefahr
Rentabilitätskennzahlen: Wie effizient arbeitet das Unternehmen?
Eigenkapitalrendite (ROE)
Die Eigenkapitalrendite zeigt, wie effizient das eingesetzte Eigenkapital verzinst wird. Sie ist besonders für Aktionäre relevant, sollte aber immer im Branchenkontext betrachtet werden.
Gesamtkapitalrendite (ROA)
Die Gesamtkapitalrendite misst die Ertragskraft unabhängig von der Finanzierungsstruktur und eignet sich gut für Unternehmensvergleiche.
Bewertungskennzahlen: Ist die Aktie fair bewertet?
Gewinn pro Aktie (Earnings per Share, EPS)
Der Gewinn pro Aktie zeigt, wie viel Gewinn rechnerisch auf eine Aktie entfällt. Wichtig ist vor allem die langfristige Entwicklung, nicht der Einzelwert eines Jahres.
Kurs‑Gewinn‑Verhältnis (KGV)
Das KGV setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie. Es hilft bei der Einschätzung, ob eine Aktie im historischen oder branchenüblichen Vergleich teuer oder günstig ist.
Dividendenrendite
Die Dividendenrendite zeigt die Ausschüttung im Verhältnis zum Aktienkurs. Entscheidend ist nicht die Höhe, sondern die Nachhaltigkeit der Dividende.
Woran erkennen Anleger ein stabiles Unternehmen – ohne die gesamte Bilanz zu lesen?
Auch ohne tiefgehende Bilanzanalyse lassen sich stabile Unternehmen erkennen:
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Stetige Umsatz‑ und Gewinnentwicklung über mehrere Jahre
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Positives EBIT und EBITDA
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Dauerhaft positiver Free Cashflow
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Solide Eigenkapitalquote
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Moderate Verschuldung
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Nachvollziehbares Geschäftsmodell
Diese Kombination liefert bereits einen sehr guten Überblick über die finanzielle Qualität eines Unternehmens.
Kann ein Anleger bei komplexen Konzernen überhaupt einen Kurzüberblick leisten?
Die Realität moderner Großkonzerne
Große börsennotierte Unternehmen – insbesondere DAX‑Konzerne – sind heute:
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international tätig
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in mehreren Geschäftssegmenten aktiv
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bilanziell komplex (Derivate, Pensionsverpflichtungen, Leasing, Goodwill)
-
regulatorisch stark beeinflusst
Ein vollständiges Verständnis aller Details eines Geschäftsberichts ist selbst für professionelle Analysten zeitaufwendig. Für Privatanleger ist das weder realistisch noch notwendig.
Was ein Anleger realistisch leisten kann – und sollte
1. Fundamentale Plausibilitätsprüfung statt Detailanalyse
Ziel eines Kurzüberblicks ist nicht, jede Bilanzposition zu verstehen, sondern:
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finanzielle Stabilität zu erkennen
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grobe Risiken auszuschließen
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die Ertragskraft einzuordnen
- wie ist der Geschäftsausblick?
Ein Anleger sollte sich fragen:
„Wirkt dieses Unternehmen wirtschaftlich gesund und nachhaltig?“
2. Konzentration auf wenige, robuste Kennzahlen
Gerade bei komplexen Konzernen haben sich einige Kennzahlen als besonders belastbar erwiesen:
Operative Ertragskraft
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EBIT: Zeigt, ob das Kerngeschäft profitabel ist
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EBITDA: Gibt Hinweise auf operative Leistungsfähigkeit vor Abschreibungen
👉 Wichtig: Mehrjährige Entwicklung, nicht nur ein einzelnes Jahr.
Zahlungsfähigkeit und Substanz
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Operativer Cashflow
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Free Cashflow
Diese Kennzahlen sind schwerer zu „schönen“ als der Gewinn und zeigen, ob das Unternehmen tatsächlich Geld erwirtschaftet.
Finanzielle Stabilität
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Eigenkapitalquote
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Verschuldungsgrad
Gerade bei DAX‑Konzernen mit hoher Fremdfinanzierung sind diese Kennzahlen entscheidend für die Krisenfestigkeit.
3. Segmentberichte gezielt nutzen
Anleger müssen nicht den gesamten Geschäftsbericht lesen. Sinnvoll ist:
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Überblick über die wichtigsten Geschäftssegmente
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Welche Bereiche tragen den Großteil von Umsatz und EBIT?
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Gibt es strukturell schwache Segmente?
Oft liefern bereits Segment‑EBIT und Umsatzanteile wertvolle Hinweise.
4. Warnsignale erkennen – ohne Bilanzstudium
Ein Kurzüberblick reicht aus, um typische Risiken zu erkennen:
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dauerhaft negativer Free Cashflow
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stark steigende Verschuldung
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sinkende Margen trotz Umsatzwachstum
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hohe Sondererträge als Gewinnquelle
Solche Muster sind oft aussagekräftiger als einzelne Bilanzpositionen.
5. Qualitative Analyse
Die vorstehenden zu beobachtenden Kennzahlen waren Bestandteil einer quantitativen Analyse.
Anleger können jedoch auch nach qualitativen Gesichtspunkten analysieren:
- ist das Gechäftsmodell zukunftsorientiert oder ist der Markt auf die Produkte des Unternehmens sogar angewiesen ( Burggrabentheorie)
- bestehen für potenzielle Wettbewerber größere Markteintrittsbarrieren durch Patente oder bestimmte Produktionsverfahren
- wie arbeitet das Management
- wie steht das Unternehmen medial da, gibt es Skandale oder ist der Markenwert besonders stark?
- agiert das unternehmen global oder national und gibt es besondere Abhängigkeiten vor oder nachgelagerter Industire oder Dienstleistungsunternehmen?
- ist das Unternehmen bzw. das Geschäftsmodell diversifiziert aufgestellt, stark abhängig von Konjunkturzyklen?
- Unternehmen aus der Lebensmittel oder Pharmaindustrie oder Unternehmen mit Schlüsseltechnologien (Elektromobilität, Robotertechnik, Mechatronik, künstliche Intelligenz, Informations- und Kommunikationstechnologie etwa ) können auch in Kriesen Gewinne erzielen, während beispielsweise vom Tourismus abhängige Geschäftsmodelle in solchen Phasen einbrechen oder stagnieren können.
Fazit: Kurzüberblick ist möglich – aber kein Ersatz für Tiefe
Ein Anleger kann bei komplexen Konzernen keine vollständige Analyse leisten – und muss es auch nicht. Ein strukturierter Kurzüberblick anhand weniger Kernkennzahlen ermöglicht jedoch:
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eine fundierte Ersteinschätzung
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das Erkennen offensichtlicher Risiken
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eine sinnvolle Vorauswahl für vertiefte Analysen
Die Fundamentalanalyse ist damit kein „Alles‑oder‑nichts‑Werkzeug“, sondern ein Filter, der hilft, Qualität von Unsicherheit zu trennen.